The Movement Culture: Bewegungen wiederentdecken.

Mehr bewegen, vielfältig bewegen, funktionell bewegen. Das ist der Leitsatz mit dem sich die Movement Culture in den letzten Jahren in der Deutschen Fitness-Welt festgesetzt hat. Dabei ist die Movement Culture der Gegendtrend zum bloßen Pumpen im Fitness-Studio. Denn beim Movement steht Funktionalität, Bewegungsvielfalt und Ganzheitliches Training im Vordergrund. Aber was genau bedeutet Movement denn jetzt? Ist die Movement Culture eine Trainingsform, eine Philosophie oder eine Kultur?

Um das herauszufinden waren wir zu Besuch bei Tore und Philippe. Tore und Pipo haben Movement vor einigen Jahren als Leidenschaft für sich entdeckt. 2017 haben sie den Schritt gemacht und ihre eigene Movement Community aufgebaut. Zusammen mit ihren Freunden treffen und trainieren sie regelmäßig in Köln und erforschen das, was jeder hat: Den Körper.

Hi Tore, Hi Philippe. Cool, dass ihr euch die Zeit nehmt, um Movement vorzustellen. Was verbirgt sich denn hinter dem Trend Movement Culture?

Pipo: Der Begriff Ido Portal Movement Culture wurde durch Ido Portal geprägt und auch markenrechtlich geschützt. Laut Ido steht die Movement Culture für einen Paradigmenwandel unserer Fitness-Welt. Als Mover fokussierst du dich nicht stur auf eine Disziplin, sondern entwickelst dich zu einem Bewegungsgeneralisten. Dein Ziel ist es, dein körperliches und geistiges Potenzial durch vielfältige Bewegung zu entfalten.

Aber Ido sagt selber, dass das Wort Movement lediglich der am wenigsten schlechte der schlechten Begriffe ist. Denn Bewegung ist so vieldeutig, dass es letztendlich wieder nichts aussagt. Im Endeffekt ist Movement nur ein Name für etwas, das wir von Natur aus machen sollten, es aber vor allem in der westlichen Gesellschaft nicht mehr tun: Uns vielfältig und artgerecht zu bewegen. Diese Idee hat sich in der Movement Culture als soziale und kulturelle Bewegung verankert.

Movement Culture

Welche Vision verfolgt die Movement Culture?

Tore: Movement erweckt den alten Gedanken von gesundem Geist und gesundem Körper wieder zum Leben. Heutzutage gehen wir davon aus, dass der Körper zum Ausruhen gemacht ist. Das heißt: Raus aus dem Büro und ab auf die Couch. Der grundlegende Gedanke bei der Movement Culture ist, dass es genau andersrum ist: Das Körpersystem ist dafür gemacht, sich zu bewegen. Je mehr du dich bewegst, desto gesünder und besser fühlst du dich. Für uns ist der Körper mehr als nur das Meat Vehicle, das dein Gehirn von A nach B schleppt.

Pipo: Der menschliche Körper und seine Biomechanik sind einzigartig. Wir sind nicht dafür gemacht, 8 Stunden am Tag auf einem Stuhl zu sitzen. Das heißt nicht, dass du deinen Bürojob an den Nagel hängen und nur noch Sport machen sollst. Vielmehr steht Movement dafür, Bewegung in den Alltag zu bringen. Wir wollen einen Sinneswandel auslösen, damit Leute mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren, in der Hocke auf Bahn oder Bus warten und Sport funktionell gestalten. Die Amerikanische Biomechanikerin Katy Bowman spricht von „Movement Nutrition“: So wie wir uns gesund und vielfältig ernähren sollten, brauchen unsere Gelenke und Zellen vielfältige Bewegungs-Ernährung.

Wie ist die Movement Culture entstanden?

Tore: Das Grundprinzip von Körper- und Bewegungskulturen reicht zurück bis zu den alten Griechen und Römern. In diesen Hochkulturen konnten sich die Leute nicht mehr über alltägliche Arbeiten, wie das Jagen oder Sammeln, fit halten. Um die Verbindung zu ihrem Körper dennoch aufrecht zu erhalten, entwickelten sie als Ersatz Bewegungsarten.

In der Neuzeit wurden diese Stränge unter anderem von Moshé Feldenkrais und Raymond Belle mit ganzheitlichen Trainingsmethoden weiterentwickelt. Wirklich populär wurde letztendlich die Movement Culture von Ido Portal. In der Welt der sozialen Medien heißt es oft: Monkey see, Monkey do. Das heißt, wir sehen Übungen und machen diese anschließend nach. Dennoch ist Movement keine Fitnessart, die aus bestimmten Bewegungen oder Übungen besteht.

Pipo: Movement zu machen heißt nicht, dich in einer weiteren Sportart festzufahren: Die Vielfalt an Bewegungen macht es aus. Movement bedeutet immer wieder aufs Neue Anfänger zu sein und außerhalb seiner Komfortzone neue Bewegungsmuster und Sportarten auszuprobieren. Der Zen Buddhismus spricht hier von Shoshin, was so viel wie „Der Anfängergeist“ bedeutet. Mit diesem Mindset leben wir Movement.

Movement Culture

Und was hat es mit dem „Culture“ Teil von Movement auf sich?

Tore: Der Kulturaspekt bezieht sich zum einen auf die reiche Vergangenheit an Körperkulturen und zum anderen auf die Gemeinschaft. In vielen Lebenssituationen umgeben wir uns mit Menschen, mit denen wir nichts teilen außer den Umständen. Nicht so beim Movement: Wir verstehen alle, dass die breite Perspektive an Bewegungen dich als Menschen bereichert. Und wir forschen gemeinsam an ein und demselben: Unserem Körper.

Pipo: Das ist ein Grundgedanke bei Kultur: Gemeinsam lernen und zusammen wachsen. Beim Movement bist du Lehrer und Schüler zugleich. Wir recherchieren und studieren Bewegung in allen möglichen Formen und geben diese dann an die anderen weiter. Denn jeder Mensch hat Stärken, die er mit anderen teilen kann, und Schwächen, bei denen er von anderen lernen kann.

Wie wichtig ist die Gemeinschaft beim Movement?

Tore: Die Gemeinschaft ist super wichtig: Nicht nur wegen dem zwischenmenschlichen Kontakt, sondern auch für deine Bewegungsmuster. Wenn du alleine trainierst, musst du nie reagieren. Das mindert das Bewegungsspiel und deine Adaptionsfähigkeit. In einer Gruppe müssen wir uns auf andere Körper einstellen und unsere Bewegungen variabel gestalten. Das ist wichtig für deine Entwicklung als Mensch: Evolutionär kommt ein Großteil des menschlichen Hirnwachstums aus dem Engagement in größeren Gruppen. Je mehr wir miteinander lernen, desto jünger halten wir uns im Kopf.

Pipo: Jeder Lernprozess ist zu einem gewissen Grade spielerisch. Schau dir zum Beispiel Kinder in der Grundschule oder auf dem Spielplatz an: Die rangeln und raufen miteinander. Durch den körperlichen Kontakt interagieren und sozialisieren wir miteinander. Als Erwachsene hören wir oft auf zu spielen. Beim Movement entdecken wir das Spielen als natürlichen Teil von Mutter Natur wieder. Und das Spielen geht am besten gemeinsam mit Gleichgesinnten.

Movement Culture

Was für eine Rolle spielt Ästhetik beim Movement?

Pipo: Beim Movement unterscheiden wir zwischen der Ästhetik der Bewegung und der Ästhetik des Körpers. Die Körper-Ästhetik spielt keine Rolle, ist aber eine natürliche Folge unseres Trainings. Im Gegensatz dazu ist die Ästhetik der Bewegung sehr wichtig. Unserem angeborenem ästhetischem Empfinden nach finden wir gut ausgeführte Bewegungen schön: Es ist faszinierend, einem Turner bei seiner Kür oder einem Tänzer bei seinem Auftritt zuzuschauen; oder eben einem Fußballer, wie Zidane oder Pelé. Schöne Bewegungen motivieren uns, unser Bewegungsrepertoire zu erweitern und vorhandene Bewegungsmuster zu verfeinern.

Tore: Das überträgt sich auf alle möglichen Professionen. Sei es ein Instrumentenbauer, Stahlschmied oder ein Metzger: Gut ausgeführtes Handwerk finden wir schön. Ich finde zum Beispiel die Doku Jiro Dreams of Sushi über den Sushi Koch Jiro Ono total faszinierend, obwohl ich gar kein Sushi mag. Durch Ästhetik wird ein Handwerk zu einer Kunst. Genauso werden gut ausgeführte Bewegungen zu kunstvollen Mustern.

Was sind die Vorteile vom Movement?

Tore: Es gibt sehr viele Vorteile! Wir Menschen haben uns in einem unebenen Umfeld entwickelt, in dem wir klettern, laufen und springen mussten. Und genau darauf ist auch unser Körper ausgelegt: Allein unterhalb unseres Sprunggelenks haben wir 33 Knöchel. Je mehr du verschiedene Bewegungen auf unterschiedlichem Terrain übst, desto gesünder werden deine Gelenke und deine Fußmuskulatur.

Bei Movement denken Leute oft an spektakuläre Sachen, wie einen Ground Flow von Ido Portal. Aber Bewegung ist überall und besonders da, wo du sie nicht vermutest: Zum Beispiel im Milieu, mit dem du deine Augen umgibst. Beschränkst du die Bewegungsvielfalt deiner Augen auf die Distanz zu Computer und Wand, folgen muskuläre Anpassungen, wie Kurzsichtigkeit. Sobald du raus in die Natur gehst und natürliche Bewegungen übst, wird alles an dir viel diverser stimuliert. Je mehr wir diese Bewegungsvielfalt wieder erlernen, desto zufriedener sind wir als Menschen. Diese Erfahrung verbindet die Leute, die Movement „machen“.

Pipo: Die grundlegenden Säulen echter Fitness sind Stabilität und Beweglichkeit. Trotz der Zunahme von Functional Fitness, trainieren viele immer noch mit dem Gedanken: ‚Ich will auf Muskelmasse pumpen‘. Mit so einem Trainingsziel trainierst du gewisse Muskelgruppen mehr als andere und überstrapazierst deinen Körper. Das Resultat sind Verspannungen und ein nicht funktionaler Körper: Du hast zwar viel Muskelmasse, kannst diese aber nicht einsetzen. Ido Portal spricht hier von „Reverse Engineering“. Das Ziel mit Movement ist ein körperliches Gleichgewicht herzustellen: Möchte ich stark werden, so muss ich auch beweglich sein. Beim Movement entwickeln wir unser ganzheitliches Körperbewusstsein und erlangen ein neues Bewegungsgefühl.

Wie seid ihr auf Movement gestoßen?

Pipo: Schon als Kind und Jugendlicher probierte ich immer wieder neue Bewegungsmuster und Sportarten aus. Ich liebte es, rauszugehen und zu spielen – sei es auf dem Spielplatz, dem Bolzplatz oder am See. Damit habe ich nie aufgehört. The Movement Culture hat dieser Bewegungsleidenschaft Gesicht und Namen gegeben. Ich war nicht mehr der Einzige, der sich nicht für eine Sportart entscheiden konnte. Ich war Teil einer Bewegung, die eine Veränderung in der Fitness-Welt bezweckt.

Tore: Bei mir war es anders: Bis ich 36 Jahre alt war, war ich komplett in meinem Kopf unterwegs und hatte keine Beziehung zu meinem Körper. Mit dieser Lebensart war ich absolut unzufrieden. Also fing ich an, mich mit meinem Körper auseinanderzusetzen. Ursprünglich bin ich in die Calisthenics Schiene gerutscht, also Training nur mit Körpergewichtsübungen. Als ich im Internet nach Tipps suchte, stieß ich auf Leute, wie Ido Portal, Rafe Kelly und Katie Bowman. Damit kam das Warum und der philosophische Überbau zu meinen Bewegungen hinzu. Jetzt weiß ich, was mir damals fehlte: Bewegung.

Ihr beide leitet eine Movement Community in Köln. Wie ist die entstanden?

Pipo: Kennengelernt haben wir uns an einem beliebten Outdoor-Trainingsspot in Köln. Von Calisthenics Trainern und Turnern, bis hin zu Tänzern, Traceuren und Physiotherapeuten hat sich da eine kleine Trainingsgruppe gebildet. Wir trafen uns jeden Abend, um zu trainieren, uns auszutauschen und Spaß zu haben. Schon hier merkte ich, was wir durch gegenseitigen Austausch erreichen können. Im Sommer 2017 war ich dann auf dem Movement Awakening Workshop von Movision. Dieser Workshop brachte die vereinzelten Mover aus Köln und Umgebung zusammen. Das hat uns inspiriert, eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten hier in Köln aufzubauen.

Tore: Im ersten Schritt haben wir unsere Facebook Gruppe aufgesetzt. Da haben wir zuerst sporadisch reingepostet, ob sich jemand treffen will. Die Resonanz war riesig und so wurden aus den sporadischen bald organisierte Treffen. So ist unsere Community entstanden: Wir tauschen uns aus, bewegen uns zusammen und helfen einander.

Movement Culture Köln

Welche Vision verfolgt ihr mit der Gruppe?

Pipo: Die Vision ist es einen Ort zu schaffen, in dem Menschen ihre Leidenschaft für Bewegung entdecken, teilen und ausleben können. Das ist anders als beim typischen Training, wo Leute kommen, trainieren und wieder gehen. Wir tauschen uns gegenseitig aus und lernen voneinander. Dabei gilt es, über den Tellerrand von einzelnen Sport- und Bewegungsarten hinauszuschauen und das Gelernte in den übergreifenden Kontext von Bewegung im Allgemeinen zu stellen. Das ist die Movement Perspektive, die wir gemeinsam erforschen und aufbauen.

Wie sind eure Sessions aufgebaut?

Tore: Wir haben immer einen Pflichtteil, in dem wir die unterschiedlichen Bewegungsmöglichkeiten unserer Körper aufzeigen. Da machen wir Mobility Übungen, die auf die grundlegende Wiederinstandsetzung von Gelenkfunktionen ausgerichtet sind. Danach suchen wir uns immer wieder neue Programmpunkte, häufig mit Fokus auf körperlicher Interaktion. Letztendlich ist kein Bewegungsmilieu so komplex wie unsere Körper.

Pipo: In unserer Gruppe entfernen wir uns absichtlich von einem streng angeleiteten Trainingskonzept. Pro Session gibt es ein Thema und einen Anleiter. Der Anleiter gibt einen Denkanstoß und bereitet einleitende Übungen vor. Aber letztendlich recherchieren wir das Thema dann gemeinsam während der Session. Das Ziel ist es, dass wir am Ende einen gewissen Grad an Improvisation erreichen. Die Themen, die wir angehen, reichen von Kraft und Beweglichkeit, Animal Locomotion, Flow, Play-Fight und Rough-Housing, Atmung, Meditation, Akrobatik und Partnering.

Gibt es eine Übung, die ihr besonders gerne macht?

Tore: Ido Portal unterscheidet drei Level bei Bewegungen: Zum Anfang bist du sozusagen der Bewegungsspastiker, dann läuft die Bewegung und später kannst du die Bewegung schon so gut, dass sie nur noch wenig Neues für dich bereithält. Du hältst sie noch am laufen, bist aber schon auf der Suche nach neuen Bewegungen. Die Bewegungen, die mir am einfachsten fallen, sind die mit dem niedrigsten Lerneffekt. Deshalb mag ich tatsächlich die Bewegungen am meisten, die mir am schwersten fallen und die ich noch nicht so gut kann.

Pipo: Ich liebe besonders das sogenannte Play-Fight, also spielerisches Raufen. Das Ziel beim Play-Fight ist es nicht gegeneinander zu kämpfen, sondern sich gegenseitig zu verstehen. Für mich ist Play-Fight eine Kommunikationsform, mit der wir Bewusstsein über unsere Körper erlangen.

Movement Culture

Was hat Movement dir persönlich gegeben?

Tore: Der Amerikanische Psychologe Jordan Peterson redet oft davon, dass wir in unserer Gesellschaft keine Drachen mehr zu besiegen haben. Gleichzeitig sagt er, dass wir uns am lebendigsten fühlen, wenn wir einen Drachen haben, mit dem wir ringen können. Ein Ziel gibt dem Menschen einen Sinn: Je mehr du etwas hast, mit dem du ringst, desto mehr Bedeutung erlangt dein Leben. Durch Movement kann ich mich ständig neuen Drachen stellen. Mein Leben fühlt sich lebenswerter an.

Pipo: Durch Movement habe ich das wiss- und lernbegierige Kind in mir wiederentdeckt. Ich kann immer wieder neue Bewegungen und Sportarten ausprobieren und lernen. Die modernen Neurowissenschaften erkennen zunehmend, was schon im Indischen Ayurveda und in der traditionellen Chinesischen Medizin galt: Körper und Geist können nur zusammen und nicht getrennt betrachtet werden. Und so gilt für mich auch: Je mehr neue Bewegungen wir lernen, desto besser geht es uns. In diesem Sinne: #Movealldayeveryday.

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2018-03-24T13:58:39+00:00

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