Capoeira: Lerne die Faszination zwischen Kampf und Kunst kennen.

Capoeira ist brasilianisches Weltkulturerbe. Doch was genau ist Capoeira und wie lernst du es? Dieser Frage wollen wir auf den Grund gehen und die Faszination Capoeira verstehen. Daher haben wir mit Mestre Índio, Capoeira Meister aus Santos in Brasilien, gesprochen.

Capoeira: Faszination zwischen Kampf und Kunst.

Mestre Índio hat mit 11 Jahren das erste Mal Capoeira gemacht. Seitdem hat er sein Leben nach der Capoeira gerichtet. Für ihn ist Capoeira eine Lebensform, die ihm in guten wie in schlechten Zeiten zur Seite steht. Diese Lebensform will er mit anderen teilen. Er will die Brasilianische Kultur in Deutschland verbreiten und jedem einen Zugang zu Capoeira ermöglichen. Mittlerweile leitet Mestre Índio seit 19 Jahren das Training der Grupo Equilíbrio in Bonn und organisiert regelmäßig internationale Treffen mit Künstlern.

Bom Dia Mestre Índio. Es freut uns, dass du die Zeit gefunden hast! Lass uns einfach starten: Was genau ist Capoeira?

Einfach? Das ist die schwierigste Frage: Capoeira kann man nicht so einfach definieren. Manchmal, wenn mich jemand fragt, was Capoeira ist, antworte ich: Es ist eine im Tanz versteckte Kampfkunst. Aber es geht nicht nur um Kampf oder Tanz. Es geht um die Verbindung von Kampf, Tanz, Bewegung, Musik, Verteidigung und Ästhetik.

Du merkst, Capoeira ist nicht nur ein Sport: Sport ist zwar ein Teil, aber es ist viel mehr: Es ist Leben, Kultur und Zusammensein. Was genau das heißt, ist schwierig zu verstehen, wenn du es selber noch nie ausprobiert hast. Aber schon in deinen ersten Stunden spürst du das Gefühl der Leichtigkeit und Freiheit. Das ist Capoeira!

Und wie genau macht man Capoeira? 

Das hört sich für Außenstehende oft komisch an, aber beim Capoeira kämpfen wir nicht, wir spielen miteinander. Um zu spielen, versammeln wir uns in einem Kreis, der sogenannten Roda. Außen im Kreis machen wir Musik, klatschen und singen Lieder. In der Kreismitte spielen dann zwei Capoeirista zusammen, so nennen wir Leute, die Capoeira machen.

Das Spiel ist genau das: Ein Spiel. Du versuchst nicht, den anderen zu besiegen oder mit einem Tritt zu treffen. Im Gegenteil, du kommunizierst und interagierst mit deinem Gegenüber. Das heißt, wenn Einer eine Bewegung macht, wie beispielsweise zu treten, auszuweichen oder einen Angriff vorzutäuschen, antwortet der Andere mit einer anderen Bewegung. Das Ergebnis ist ein Spiel aus Frage und Antwort, ein richtiger Dialog.

Wie genau das Spiel schlussendlich aussieht, ist je nach Gruppe, Stil oder Situation sehr unterschiedlich. Manche sind schneller, manche tänzerischer, manche fieser und andere wiederum ganz anders: Jedes Spiel ist einzigartig und jede Gruppe macht es ein bisschen anders.

Kannst du uns etwas über die Geschichte der Capoeira erzählen?

Capoeira kommt aus der Sklavenzeit in Brasilien. Als die Portugiesen nach Brasilien kamen, wollten sie die indianischen Ureinwohner versklaven, um die Reichtümer Brasiliens auszubeuten. Allerdings wollten die Indianer lieber sterben als versklavt zu werden. Als 1624 die Holländer nach Brasilien kamen und mit den Portugiesen kämpften, konnten viele Sklaven fliehen. Sie kamen zusammen in Ghettos unter, sogenannten Quilombos.

Den Sklaven war natürlich klar, dass die Portugiesen wiederkommen würden. Daher bereiteten sie sich vor: Sie schauten sich Kampf- und Abwehrmechanismen bei den natürlichen Bewegungen von Tieren ab und ahmten diese nach. Als die Portugiesen dann kamen, versteckten sich die Sklaven in ungefähr ein Meter hohem Steckgrass und verteidigten sich. Im Tupi-Guaranischen indianischem Dialekt heißt dieses Grass ‚Capoeira’.

Und wie ging es nach der Sklavenzeit weiter?

Nach Abschaffung der Sklaverei war Capoeira lange Zeit illegal. Die Sklaven waren zwar frei, allerdings nur auf dem Papier. Nach der Befreiung hatten sie weder Arbeit, noch etwas zu Essen. Ihr einziger Ausweg war Capoeira. Das ist der Grund, warum es lange illegal war und im Untergrund stattgefunden hat.

Legalisiert wurde Capoeira 1937. Doch es dauerte noch ewig, bis es wirklich alle Teile der Gesellschaft akzeptiert haben. Selbst in meiner Kindheit habe ich noch mitbekommen, wie Capoeirista diskriminiert wurden.

Inzwischen sind wir Brasilianer echt stolz auf Capoeira. Für uns drückt es den Widerstand, den Kampf und die Befreiung aus. Aber auch außerhalb von Brasilien ist Capoeira mittlerweile sehr verbreitet. Es gibt überall auf der Welt Schulen, selbst in Sibirien oder Westchina. Das macht mich richtig stolz 🙂

Welche Capoeira Stile gibt es?

Die Legalisierung von Capoeira hing viel mit Mestre Bimba (Manoel dos Reis Machado) und seiner Schule zusammen. Mit seinem Stil Regional setzte er weniger auf tänzerische Elemente und brachte dafür einen stärkeren Wettbewerbsgedanken und ein Gürtelsystem ein.

Als Folge dieser Veränderungen gründete Mestre Pastinha den Stil Angola. Damit wollte er den Gedanken von Capoeira als Lebensphilosophie bewahren. Daher basiert Capoeira Angola wieder stärker auf den ursprünglichen Traditionen und der Verbindung zu der alten Sklavenreligion Candomblé.

Inzwischen haben sich viele weitere Stile entwickelt. Viele Gruppen, wie auch unsere Gruppe, Grupo Equilíbrio, machen eine Mischung aus Angola und Regional. Zusammengenommen nennen wir diese Stile Contemporânea.

Wie bist du zum Capoeira gekommen?

Ich habe mit elf Jahren mit Capoeira angefangen. Am Anfang habe ich mit dem Cousin von meinem ersten Meister trainiert. Ich konnte es mir nicht leisten, in einer richtigen Capoeira Schule zu trainieren. Nach einiger Zeit konnte mein Papa doch zahlen und so kam ich zu meinem ersten Meister, Contra Mestre Tuca. Das ist schon krass: Damals war es ein richtiges Privileg, Capoeira machen zu können.

Später habe ich verschiedene andere Kampfsportarten ausprobiert, darunter Karate, Kung Fu, Brasilian Jiu-Jitsu und Muay Thai. Ich fand es zwar spannend, aber keine dieser Sportarten war mit Capoeira vergleichbar. Capoeira ist so vieles in einem, das ist unglaublich. Inzwischen wüsste ich gar nicht mehr, was ich ohne Capoeira machen würde. Mestre Pastinha meinte mal: Eu como e eu bebo capoeira – Ich esse und trinke Capoeira. Das stimmt bei mir: Capoeira ist mein Alltag.

Was ist für dich das Schönste an Capoeira?

Ganz klar: Die Gemeinschaft! Manchen ist das vielleicht nicht so wichtig: Die kommen zum Training und gehen wieder. Für mich steht das soziale ganz oben.

Zu meinen Schülern sage ich immer: Wir sind eine Familie. Und das meine ich auch so. Bei uns kriegt jeder einen Apellido, einen Capoeira Namen. Und wir trainieren nicht nur zusammen: Wir fahren gemeinsam weg, gehen feiern und helfen uns gegenseitig, wenn einer ein Problem hat. Ehrlicherweise fühle ich mich ein bisschen wie ein Papa: Wenn ich sehe, wie ein neuer Schüler anfängt und sich im Laufe der Zeit weiterentwickelt, überkommt mich purer Stolz.

Mestre Índio's Geburtstagsüberraschung seiner Schüler.

Mestre Índio’s Geburtstagsüberraschung seiner Schüler.

Welche Bewegungen gibt es in der Capoeira?

Capoeira besteht nicht aus einzelnen Bewegungen oder festgelegten Sequenzen. Capoeira bedeutet kombinieren, experimentieren und entdecken.

Der Grundschritt und die wichtigste Bewegung in der Capoeira ist die Ginga. Wenn du Ginga kannst, reicht das schon, um Capoeira zu spielen. Viel zu oft wird die Ginga unterschätzt. Dabei kannst du mit keiner anderen Bewegung so gut lesen, wie sich die andere Person bewegt.

Neben der Ginga gibt es viele weitere Bewegungen: Tritte und Ausweichbewegungen, Schläge, die du natürlich nur selten benutzt, eigentlich nur wenn du mal böse sein willst ;-). Zuletzt gibt es noch Bewegungen, mit denen du den anderen Capoeirista umwirfst, zum Beispiel die Rasteira, wo du dem Anderen ein Bein wegziehst.

Vor allem bei Anfängern ziehen wir keine Bewegung durch. Das ist wichtig, damit sich niemand verletzt. Aber auch später gilt immer das Prinzip: Wir spielen zusammen und nicht gegeneinander. Wenn wir also merken, dass der andere Capoeirista nicht reagiert, deuten wir die Bewegung nur an oder ziehen sie ganz zurück. Das zeigt unser Verständnis, unsere Mandinga.

Für alle Bewegungen gelten drei goldene Regeln:

  1. Immer nach vorne gucken.

Schaue immer deinen Mitspieler an. Sonst siehst du nicht, was der andere Capoeirista macht und kannst nicht darauf antworten.

  1. Der Ellbogen kommt immer zuerst.

Bei und nach jeder Bewegung kommst du immer mit deinem Ellbogen zuerst hoch. So schützt du dein Gesicht und deinen Körper und kannst schnell reagieren.

  1. Immer lächeln – innen und außen.

Beim Capoeira geht es um Spaß. Du musst dich nicht abquälen oder verkrampft versuchen, eine Bewegung zu schaffen. Lass deine Bewegungen zum Rhythmus fließen und lächel dabei: Sowohl zu deinem Gegenüber als auch zu dir selbst.

Treten und ausweichen: Die simple Rechnung des Capoeira.

Du hast vorhin von Akrobatik als Teil der Capoeira gesprochen. Was hat es damit auf sich?

Jeder Capoeirista ist ein Künstler. Und jeder Künstler möchte die Menschen um sich herum begeistern. Genau das kannst du mit akrobatischen Bewegungen. Daher spielt die akrobatische Seite eine wichtige Rolle, insbesondere bei jungen Capoeirista, die ein bisschen angeben wollen ;-).

Das bedeutet jedoch nicht, dass du sonderlich akrobatisch sein musst. Für junge Capoeirista hat das viel mit Selbstbewusstsein zu tun. Aber du kannst genauso gut ohne akrobatische Bewegungen Capoeira spielen. Daher ist die Akrobatik auch nicht mehr so wichtig für dich, desto älter du in der Capoiera wirst.

Und warum spielt Musik so eine wichtige Rolle in der Capoeira?

Über Musik kommt diese besondere Energie in die Capoeira. Jeder, der im Kreis steht und mitsingt, wird durch seine Stimme Teil des Ganzen und für die beiden Capoeirista in der Mitte des Kreises kommt durch die verschiedenen Stimmen und Instrumente ein unbeschreibliches Gefül auf: Du vergisst alles um dich herum und lässt dich von den Anderen tragen.

Manche legen nicht so viel Wert auf Musik. Ich kann das nicht verstehen: Wenn du gute Musik machst, inspirierst du die Capoeirista um dich herum und gibst deine gute Energie weiter. Das spüre ich häufig: Wenn ich singe, schließen meine Schüler oft ihre Augen. Sie kommen in eine Art Trance und schaukeln unbewusst hin und her. Oder sie bewegen sich zum Rhythmus und freuen sich total. Ohne die Energie der Musik ist Capoeira eben nur Bewegung.

Musik erzeugt unter anderem die besondere Energie beim Capoeira.

Wie läuft typischerweise ein Capoeira Kurs bei dir ab?

Jedes Training ist anders. Ich habe kein Standard-Programm und überlege mir vorher auch nicht, was ich in der nächsten Stunde mit meinem Schülern machen will. Ich beobachte die Stimmung unter den Schülern und mache die Bewegung, die in dem Moment passt.

Die Bewegungen beim Capoeira sehen extrem cool, aber dafür auch alles andere als einfach aus. Kann jeder Capoeira machen?

Ja, auf jeden Fall! Jeder hat ein Talent für Capoeira: Egal wie schwer, groß oder schlank du bist. Capoeira ist so vielseitig, du findest deine Stärken. Zum Beispiel können einige meiner Schüler manche Bewegungen wegen ihrer Knie nicht manchen. Dafür können sie andere umso besser. Ich kenne sogar einen blinden Capoeirista. Ihm zuzuschauen ist richtige Kunst.

Für die Musik gilt dasselbe: Viele meiner Schüler sagen mir am Anfang, dass sie kein Talent für Musik haben. Dabei haben sie es nie ausprobiert. Wie kannst du dann wissen, dass du kein Talent hast? Und selbst wenn du kein Talent hast, vielleicht macht es dir einfach Spaß. Das einzige, was bei Capoeira wirklich zählt, ist, dass du dabei bist.

In der Capoeira gibt es viele akrobatische Elemente.

Was willst du Menschen mitgeben, die mit Capoeira anfangen wollen?

Capoeira hat viele Vorteile für deinen Körper: Du wirst flexibler und gelenkiger, baust Muskeln auf, stärkst deine Kondition und förderst deine Koordination. Doch das ist eben nicht alles. Die Faszination kommt durch die Verbindung von Sport mit Musik, Kommunikation, Tanz und Rhythmus.

Probier es einfach aus und bleib dabei immer locker. Wir machen uns im Leben viel zu oft Druck und denken, dass wir alles direkt können und der Beste sein müssen. Diesen Druck brauchst du dir nicht machen. Capoeira lernst du am besten mit Gefühl: Wenn du dich frei fühlst und deine Bewegungen eins mit dem Rhythmus werden.

Bist du neugierig geworden und hast Lust bekommen, Capoeira auszuprobieren? Wir finden für dich den passenden Kurs in deiner Nähe. Schreib uns einfach eine kurze Nachricht und wir melden uns bei dir:

2017-11-15T14:49:38+00:00

Kommentar verfassen